Freundschaft mit Gott
Viele Männer und Frauen der christlichen Tradition haben das Verhältnis zu Gott und vor allem den vertrauten Umgang mit ihm, das Gebet, mit dem Bild der Freundschaft zu beschreiben versucht. So z.B. die heilige Teresa von Avila († 1582, r.) und Francisco de Osuna (†1540, o.), ein franziskanischer Schriftsteller, der diese große Frau maßgeblich beeinflusst hat.
Dieser Franziskaner nennt drei Voraussetzungen, die für das Gebet wichtig sind:
1. « … dass Freundschaft und Verbindung mit Gott in diesem Erdenleben möglich sind. Ich spreche jetzt nicht etwa vom allgemeinen Angenommensein des Menschen durch Gott, auch nicht von Zweifeln, die Sterbliche haben können, ob sie sich im Gnadenstand befinden oder nicht. Ich meine hier jene Verbindung, die Menschen suchen, die sich um das Gebet, um die Gottesliebe bemühen, die realer ist als alle Dinge dieser Welt und so beglückend, dass nichts ihrem Wert gleichkommt».
Diese Voraussetzung stellt unser Realitätsverständnis in Frage. Es geht um eine Beziehung, die realer ist als alle Realität. Es scheint mir von großer Tragweite, ob ich mich immerzu nur im Vordergründigen aufhalte oder ob es mir gelingt, an eine Realität hinter der Realität zu glauben, an etwas, was bleibt und Bestand hat, selbst wenn alles vergeht und im Wind verweht wird.
Als Ausdruck einer realen Freundschaftsbeziehung zum unbegreiflichen Gott profiliert das Gebet den Menschen auf eine Weise, wie das sonst nicht möglich ist.
2. Für die Freundschaft mit Gott sind keine besonderen Bedingungen oder Fähigkeiten notwendig. Sie ist jedem Menschen möglich, sofern er nur in diese Freundschaft mit Gott eintreten will. Francisco de Osuna lässt keine Entschuldigungen gelten: «Du wirst vielleicht sagen, dass dein Alter oder dein Beruf, deine Konstitution oder Krankheit oder gar dein Genie dich entschuldigen und von solcher Freundschaft fernhalten… Wenn du mir erklärtest, dass du nicht fasten könntest, dich nicht kasteien, keine rauhen Kleider tragen, nicht arbeiten, keine Fußreisen unternehmen, so würde ich dir glauben. Wenn du aber behauptest, du könntest nicht lieben, so glaube ich dir nicht».
Mit anderen Worten: Das Gebet ist nichts anderes als Liebe. Jeder mag diese Liebe anders ausdrücken, die Form des Gebetes mag verschieden sein, sicher auch abhängig vom Gesundheitszustand, vom Arbeitspensum, vom Alter usw. – das alles ist nebensächlich.
Jeder soll seine eigene Form des Ausdrucks haben. Es genügt, Liebe in sich zu tragen. Dann wird man erfinderisch sein und in jeder Situation seiner Freundschaft mit Gott Ausdruck geben können.
3. Damit der Mensch die Freundschaft mit Gott findet, braucht er «eine tiefe Unruhe, die einzig nach Gott suchen lässt: Ohne dieses Suchen und Trachten kann meiner Meinung nach niemand Gott finden» (85).
Hier knüpft Francisco de Osuna an das altmonastische Vokabular an, das den Weg des Mönchs vor allem als Gottsuche beschreibt. Solange der Mensch auf Erden ist, muss man Gott suchen, selbst dann noch, wenn man ihn gefunden zu haben glaubt.
Der Schriftsteller warnt aber vor der religiösen Geschäftigkeit. Es geht in der Freundschaft mit Gott nicht um asketische Praxis (Bußübungen), auch nicht um viele Worte oder langes Lesen. Es geht dabei vielmehr um die innere Einkehr, um das Hinabsteigen in die eigene Tiefe. «Sonst löst sich alles auf in Rauch, wie Quecksilber, das verdampft, wenn es nicht geschützt ist.» Oder anders gesagt: «Lass deine Sehnsucht nicht sterben. Die Kerze erlischt sonst, und du bleibst im Dunkeln» (86).
Das wahre Gebet führt also ins Helle, ins Licht, in die klare Selbsterkenntnis, die gleichzeitig Gotteserfahrung bedeutet. Davon wird weiter unten nochmals die Rede sein.
An anderer Stelle seines auch heute noch lesenswerten Buches versucht Francisco de Osuna das Gebet auch anders zu beschreiben. Immer geht es aber letztlich um Freundschaft, um ein zu innerst dialogisches Verhältnis mit Gott:
Er nennt das Gebet «Schule des Herzens», in der der Mensch und Christus einander gegenüberstehen: Christus ist «unser guter Meister» «in der geheimen Verborgenheit des Herzens» (31). Kein Mensch kann das Gebet lehren, nur Christus allein kann das.
In dieser Schule gibt es keine besonderen Einlassbedingungen. Provozierend sagt Francisco de Osuna sogar, diese Schule des Herzens sei für die einfachen Leute eher zugänglich als für geistliche und weltliche Würdenträger.
Anton Rotzetter: Selbstverwirklichung des Christen
S. 131 ff (134)
Mehr über Francisco de Osuna hier
Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.
Joh 15,15
