Vergebung
Die größte Herausforderung in meinem Leben liegt darin, die Wahrheit über mich selbst zu suchen und anzuerkennen. Sagen nicht alle, die mit Menschen zu tun haben – die Ärzte, Therapeuten oder Manager -, dass nichts heilsamer ist, als die Wahrheit über sich selbst zu erkennen und danach zu handeln?
Menschen ernähren sich falsch, konsumieren schädliche Rauschmittel, schätzen ihre Möglichkeiten falsch ein. Auch ich mache mir ständig etwas vor, stehe mir selbst im Weg und habe Mühe, mich aus alten Mustern und immer neuen Verwicklungen zu befreien.
Dass Menschen sich sozusagen systematisch selbst (und damit ihr Glück) verfehlen, ist vielen bewusst. Auch dass sie Umkehr und radikale (also wurzelhafte) Prozesse der Umkehr in ein neues Anfangen bräuchten. Aber sie kriegen den linken Fuß nicht aus dem Bett. Das größte Hindernis aufzustehen, liegt darin, dass sie sich sagen: Es funktioniert nicht. Mit dem, was ich getan und wie ich mich eingerichtet habe, gibt es keine Chance für Vergebung und einen Neuanfang. Dazu findet sich in der Heiligen Schrift eine paradigmatische Gegenerzählung – die Geschichte vom Schächer am Kreuz.
Neben Jesus werden zwei Schwerverbrecher zu Tode gemartert. Einer von beiden erkennt – wohl nach Stunden des gemeinsamen Leidens – seine Schuld an und bittet Jesus darum: »Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.« Jesus antwortete ihm: »Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.« In der antiken Kultur und auch für viele danach war eine solche Situation unvorstellbar: Ein Schwerverbrecher, der möglicherweise andere Menschen schwer geschädigt oder zerstört hat und jetzt nur zwei Sätze der Einsicht und Reue ausspricht, erhält die schönste Zusage Jesu, die vorstellbar ist.
Jean-Marie Vianney, der heilige Pfarrer von Ars, hat die Pointe der Erzählung vom Schwerverbrecher, der neben dem unschuldigen Jesus den Kreuzestod erleidet, in einem großen Wort zusammengefasst: »Manche sagen: ›Ich habe zu viel Böses getan, der liebe Gott kann mir nicht verzeihen.‹ Das ist eine grobe Lästerung. Es bedeutet, der Barmherzigkeit Gottes eine Grenze setzen. Sie hat aber keine, denn sie ist grenzenlos. Nichts beleidigt den lieben Gott so sehr, als an seiner Barmherzigkeit zu zweifeln.«
Was ist mit diesem Schwerverbrecher geschehen? Im stundenlangen Leiden am Kreuz hat er nicht nur sein eigenes Leben vor seinem inneren Auge ablaufen lassen und sich der unbequemen Wahrheit über sich selbst und seine eigene Verantwortung gestellt. Er hat aufgehört, andere für sein Schicksal verantwortlich zu machen. Er hat Jesus und den dritten Gekreuzigten beobachtet. Seine bisherige Sichtweise hat er aufgegeben. Er war bereit und fähig zu Umkehr und Reue. Und er hat in Jesus den Sohn des lebendigen Gottes erkannt, denn er sprach vom »Reich« Gottes, in welches Jesus eingehen werde. Im Advent 1944, bevor Pater Alfred Delp im Februar 1945 hingerichtet wurde, notierte der große Mann des Widerstands: »Den innersten Sinn der Adventszeit wird nicht verstehen,
wer nicht vorher zu Tode erschrocken ist über sich selbst und seine menschlichen Möglichkeiten und ebenso die im eigenen Selbst sich offenbarende Lage und Verfassung des Menschen überhaupt.« Der Schwerverbrecher ist der Wahrheit über das eigene Leben nicht länger ausgewichen, sondern hat seine eigene Verantwortung erkannt und gelten lassen. Vielleicht war es die erlebte Gegenwart Jesu und die darin gespürte Barmherzigkeit und Liebe, die ihm dies ermöglichte. Betrachte ich die Umstände in meinem Leben (und in der Lebensgeschichte derer, die mir nahe sind), unter denen eine tiefgreifende Annahme der Wirklichkeit, verbunden mit reuevoller Umkehr, stattfinden konnte, dann gehörten offenbar besondere, förderliche Umstände dazu. Christen haben dafür ein Wort:
»Gnade«. Gnade ist die Liebe, mit der mir Gott entgegenkommt, die Hand, die er mir entgegenstreckt, damit ich sie aus freien Stücken, in Freude und nicht bloß notgedrungen entgegennehme.
Und dann klingt die geforderte Lebenswende, das »Kehrt um und glaubt an das Evangelium!« gar nicht mehr sauer und autoritär. Nicht für den Schwerverbrecher am Kreuz. Nicht für Petrus, der Jesus am Tag der Verhaftung dreimal verleugnete und es danach bitter bereute. Der innere Zerbruch führte in eine tiefere Liebe. Nicht für Paulus: Aus einem fanatischen Anhänger des Althergebrachten wurde ein brennender Zeuge des Auferstandenen. Er benötigte dazu viele Momente der Gnade: Zuerst das Erscheinen des Auferstandenen, bei dem er sein Augenlicht verlor. Dann die wunderbar gefügte Begegnung mit Hananias, bei der ihm Gott sein Augenlicht zurückschenkte. Dann das immer tiefere Innewerden der Gegenwart des Auferstandenen und des neuen Lebens in ihm. So wird authentisches Leben auch in mir möglich.
Gott behandelt Dich besser, als Du es verdient hast. Das wird nicht nur beim Verbrecher deutlich, der gemeinsam mit Jesus gekreuzigt wird und nach seiner Einsicht und Reue das Versprechen hört: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23, 43)
Wie sehr Gott sich über unsere Hinwendung zu ihm freut, wird auch im Gleichnis vom barmherzigen Vater/verlorenen Sohn deutlich:
Gleichnis vom verlorenen Sohn
Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.
Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.
Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.
Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.
